Freut euch des Lebens…

Lebensfreude in der postparadiesischen Grantscherbengesellschaft: Vorwort zu einer disruptiven Utopie.

Es geht uns gut. Doch geht es uns wirklich gut dabei? Lassen wir hier einmal jene beiseite, denen es tat­säch­lich dreckig geht. Jene, die sich nicht nur „abgehängt“ fühlen, sondern die tat­säch­lich abgehängt sind. Die Schwachen und Kranken, die Armen und Ver­zwei­fel­ten. Die, deren Einkünfte nicht einmal aus­rei­chen, um die ele­men­tars­ten Lebens­be­dürf­nis­se zu decken: Wohnen, Essen, Heizen. Die, die tat­säch­lich schweres Leid erfahren haben oder gerade erfahren. Das ist nicht unser Resort, nicht hier.

Doch ihr vielen anderen, die ihr vom Leben bekommt, was es zu bieten hat, ihr Erfolgs­ver­wöhn­ten, gut Betuchten, grosso modo Reichen und Schönen, ihr Leis­tungs­be­rei­ten, Genie­ßen­den und Kon­su­mie­ren­den, ihr Luxus­ur­lau­ben­den und Pre­mi­um­be­wuss­ten, ihr Wohl­ha­ben­den und vom Wohlstand Ver­wöhn­ten. Ihr, die ihr dennoch jammert und quengelt, Neid und Missgunst ver­brei­tet, euren Pes­si­mis­mus zu Markte tragt, Trübsal blast, Kata­stro­phen an die Wand malt, euch zu Opfern sti­li­siert: Hey, was ist euer Problem? Ist euer Frust genetisch bedingt?

Schon klar, ihr dürft nicht mit 220 im dri­ver­as­sis­tier­ten Modus über die Autobahn flitzen. Wenigs­tens nicht in Öster­reich, jetzt schon gar nicht mehr, denn ihr lebt in einer Ver­bots­ge­sell­schaft und in Extremis ist euer Auto weg. (Außer es erwischt euch keiner, wofür es auch eine gewisse Evidenz gibt.) Ihr müsst jetzt auch noch warten, bis die selbst­ge­rech­ten Kli­makle­ber endlich vom Asphalt geklet­zelt sind, nicht nur bei Rot. Social Media stresst euch. Und ihr habt sowieso Stress. In einer alternden Gesell­schaft werdet ihr außerdem ringsum allent­hal­ben mit der End­lich­keit des Lebens kon­fron­tiert, jede Menge Greise, was logi­scher­wei­se eine durch­wach­se­ne Stim­mungs­la­ge erzeugt. Bei einem Durch­schnitts­al­ter von 40+ gibt’s halt gesell­schaft­lich nicht mehr so viel zu lachen, sorry. Unbe­schwer­te Lebens­freu­de ist nun mal ein Privileg der Jugend. Doch die hat auch nichts mehr zu lachen: Denn ob in 40 Jahren noch jemand eine Pension bekommt, ist fraglich. Und diese Unge­wiss­heit drückt natürlich letzten Endes auch auf das juvenile Stim­mungs­ba­ro­me­ter.

Die gute und die schlechte Nachricht: Das alles hat mit eurer per­sön­li­chen Stim­mungs­la­ge – Lebens­freu­de oder Frust – nur bedingt zu tun. Die eigent­li­chen Gründe für die Lebens­freu­de­fra­gi­li­tät unserer Existenz liegen nämlich tiefer. Schöp­fungs­ge­schicht­lich war die Freude am Dasein – vulgo Lebens­freu­de – nämlich spä­tes­tens mit der Ent­las­sung aus dem Paradies getrübt. Und seither rennen wir – salopp for­mu­liert – dem ver­lo­re­nen Paradies hinterher. Wie in einem Hams­ter­rad. Denn am ver­lo­ckends­ten erscheint uns in der Regel ja gerade das, was wir nicht (mehr) haben.

Doch damit nicht genug. Auch der indi­vi­du­el­le Einstieg ins Leben ist kon­ta­mi­niert: Ob wir nun durch den Geburts­ka­nal gepresst oder nach einem Kai­ser­schnitt sanft dem Uterus enthoben werden, die Freude darüber scheint limitiert zu sein. Wir quit­tie­ren unser Ein­tref­fen nämlich mit einem nach Luft schnap­pen­den Lebens­zei­chen, das nur sehr euphe­mis­tisch als Freu­den­schrei bezeich­net werden kann. Wir fangen uns bei der Geburt vielmehr, so jeden­falls der gerne kol­por­tier­te tie­fen­psy­cho­lo­gi­sche Erkennt­nis­stand, in der Regel gleich einmal ein Trauma ein – raus da, die onto­ge­ne­ti­sche Ver­trei­bung aus dem Paradies sozusagen. Uns stellt sich somit postnatal und post­pa­ra­die­sisch die zentrale Frage als Lebens­auf­ga­be: Wie kommen wir (wieder) zu (mehr) Lebens­freu­de? Kein Zufall, dass diverse Lexika und Wör­ter­bü­cher die Lebens­freu­de häufig ex negativo illus­trie­ren, etwa als das „Gegenteil von Anhedonie und Depres­si­on“. Wie also Lebens­freu­de wider alle Wech­sel­fäl­le, Untiefen und Gemein­hei­ten des Lebens wie­der­erlan­gen?

Oder wie wenigs­tens die rudi­men­tär noch exis­tie­ren­den Lebens­freu­de­brü­cken­köp­fe und ‑bastionen gegen innere und äußere Feinde ver­tei­di­gen und mög­li­cher­wei­se sogar einen Keil in anhe­do­ni­sche und depres­si­ve Ter­ri­to­ri­en hin­ein­trei­ben? Anhedonie bezeich­net übrigens die Unfä­hig­keit bezie­hungs­wei­se den Verlust der Fähigkeit, Freude und Lust zu empfinden. Es blieb Epikur, dem 341 vor Christus auf der grie­chi­schen Insel Samos geborenen Phi­lo­so­phen, vor­be­hal­ten, die Lebens­freu­de aus den Trümmern der post­pa­ra­die­si­schen mensch­li­chen Existenz zu rekon­stru­ie­ren und auf ein ver­meint­lich solides Fundament zu betten. Epikurs Ethik­leh­re ziele, heißt es, im Kern auf Erhöhung und Ver­ste­ti­gung der Lebens­freu­de durch den Genuss eines jeden Tages, womöglich jeden Augen­blicks … Dazu gelte es, alle Beein­träch­ti­gun­gen des See­len­frie­dens zu vermeiden und gege­be­nen­falls zu über­win­den, die aus Begierden, Furcht und Schmerz erwachsen können.

Jüngst kam der Autor dieser Zeilen an zwei älteren Herren vorbei, die sich nach einer kurzen Begrüßung aus­tausch­ten: „Wie geht’s?“, fragte der eine. „Man muss zufrieden sein“, ant­wor­te­te der andere. Er machte dabei einen durchaus lebens­af­fi­nen Eindruck und lächelte – ein bisschen gequält aller­dings. Ist es das, was Epikur vor gut 2300 Jahren mit Lebens­freu­de meinte? „Man muss zufrieden sein.“

Aber sind wir zufrieden? Und gerät der mor­gend­li­che Weg zur Arbeit, um nur einen der möglichen Schau­plät­ze zu inspi­zie­ren, zur Demons­tra­ti­on kol­lek­ti­ver Lebens­freu­de? Und wenn nicht: Was hindert so viele daran, mor­gend­lich Lebens­freu­de zum Ausdruck zu bringen? Sind es Krankheit, Furcht und Ängste? Konflikte, Kriege, Kli­ma­kri­se? Oder führt der Weg zur Lebens­freu­de hypo­the­tisch etwa (nur so ein Gedanke) über die Ver­mei­dung von Erwerbs­ar­beit? Ist der Schmerz des 21. Jahr­hun­derts, den es zu über­win­den gilt, um Lebens­freu­de zu erfahren, wenigs­tens in unseren soge­nann­ten Wohl­stands­ge­sell­schaf­ten unser Job? Denn abends an lauen Som­mer­aben­den nach getanem Tagwerk – ist da die Stimmung nicht viel auf­ge­räum­ter, um nicht zu sagen teils trunken vor Lebens­lust und ‑freude?

In unseren mehr oder weniger post­in­dus­tri­el­len Kon­sum­ge­sell­schaf­ten sehen wir uns heute wider alle his­to­ri­sche Vernunft umfassend lebens­freu­de­an­spruchs­be­rech­tigt.

Wir gestehen uns aller­dings nicht bloß ein Anrecht zu, Lebens­freu­de zu erfahren. Das breite Grinsen ist geradezu Pflicht. Wir mögen, so das Gebot, lächelnd durchs Leben gehen und unsere Lebens­freu­de möglichst demons­tra­tiv authen­tisch (ein Wider­spruch? Ach nein!) zum Ausdruck bringen, nicht nur downhill auf dem Flowtrail. Es wird von uns erwartet und wir erwarten es von uns. Es gibt einen winzigen Haken: Wir müssen selbst dafür sorgen. Das versuchen viele ja auch redlich. Doch gelingt es ihnen? Gelingt es richtig gut und nach­hal­tig? Und der tägliche Grant­scher­ben, der Nörgler und Jammerer in uns? Resul­tiert er aus der Selfful­fil­ling Prophecy, dass es halt leider doch nicht ganz so einfach ist, seine höchst­per­sön­li­che Lebens­freu­de in trockene Tücher zu bringen. Und dass wir viel­leicht doch wieder einmal lieber erst morgen damit beginnen. Angst vor dem Scheitern? Und warten wir nicht alle nach wie vor wenigs­tens ein bisschen darauf, dass ein Wunder geschieht – eine Art Rückkehr ins Paradies; zu ewiger Leich­tig­keit und Lebens­freu­de, wenigs­tens solange wir leben. Ein Lot­to­sech­ser. Eine Geschäfts­idee, die uns aller Sorgen enthebt, weil sie ohne Mühsal skaliert. Eine Wunderapp, die sich expo­nen­ti­ell mil­lio­nen­fach ver­brei­tet wie zum Beispiel das Coro­na­vi­rus (das ja auch einigen indirekt zu Wohlstand gereicht haben soll). Eine wenigs­tens indi­vi­du­ell wirksame welt­geis­tig-dia­lek­ti­sche Wendung der Geschich­te – nachdem das mit dem kol­lek­ti­ven Ende der Geschich­te nicht so ganz geklappt hat; wenigs­tens noch nicht.

Jetzt mal ehrlich: Wie viele Schil­de­run­gen sind uns bekannt, die das verlorene Paradies mit Arbeit in Ver­bin­dung bringen? Geben wir jedoch Arbeit und Paradies neben­ein­an­der in die Google-Suchmaske ein, erschei­nen flugs jede Menge Einträge zur „Arbeit im Paradies“. Remote. Sehen wir am Display-Horizont bereits die Aura einer neo­pa­ra­die­si­schen Epoche her­auf­zie­hen? Gelangen wir auf den Spuren Epikurs Jahr­mil­lio­nen nach unserer Ver­trei­bung durch die Hintertür zurück ins Paradies? Öffnet sich durch eine Finte der viel zitierten Wider­sprü­che der kapi­ta­lis­ti­schen Ökonomie eine Lücke ins Schla­raf­fen­land – mit all der Schmerz‑, Begierde- und Furcht­lo­sig­keit, die uns zu unbän­di­ger Lebens­freu­de (selbst)ermächtigt?

Erlauben wir uns doch einmal, ungehemmt opti­mis­tisch zu sein – als Start-up-Inves­ti­ti­on in eine zukünf­ti­ge Ära uni­ver­sel­ler Lebens­freu­de; besser ohne Exit. Also: Hun­dert­tau­sen­de Öster­rei­che­rin­nen und Öster­rei­cher werden in den kommenden Jahren in den Ruhestand treten, um eine fröhlich wogende Masse zu bilden, die fortan nur mehr den subjektiv emp­fun­de­nen Freuden des Lebens frönt. Lebens­freu­de inklusive. Weltreise, Biken in Istrien oder auf Mallorca, Alpe-Adria-Genuss­tour, Schre­ber­gar­ten, Stamm­beisl (mit Schnit­zel­bo­nus) etc. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Weiteren Hun­dert­tau­sen­den wird es aller Vor­aus­sicht nach gelingen, ihren Arbeits­platz auf para­die­si­sche Pal­men­in­seln zu verlegen. Stich­wor­te: Remote, New Work. Ebenfalls breit grinsend. Schöner als jeder Bild­schirm­scho­ner.

All die anderen, die nach wie vor kör­per­lich an ihre Arbeits­stät­ten gebunden sind: Sie erfahren durch die Ver­schie­bung der Achse ihrer Work-Life-Balance suk­zes­si­ve Erleich­te­rung. 168 Stunden hat die Woche, davon werden noch (bis zu) 40 gear­bei­tet. Da muss einem das Grinsen ja in den Mund­win­keln ein­frie­ren. Da ist mehr drin – also logi­scher­wei­se weniger Arbeit. Und jetzt, bevor skep­ti­sche Stimmen laut werden, der Clou – davon konnten weder Hegels Weltgeist noch Karl Marx’ Kapital etwas wissen: Die künst­li­che Intel­li­genz (KI) befreit uns Schritt für Schritt nicht nur vom post­pa­ra­die­si­schen Arbeits­zwang, sondern nach­hal­tig von der Arbeit überhaupt. Wir ahnen noch nicht einmal, welches Potenzial die KI hat. Eine Glücks­ma­schi­ne. Die Rückkehr ins Paradies (auf Erden) ist so gut wie geritzt. Freuen Sie sich.

Bis Sie der Wirkungen dieses dis­rup­ti­ven Umschwungs gewahr werden und sich ihre Mund­win­kel unwi­der­steh­lich nach oben bewegen, sei Ihnen der Erwerb eines Lebens­freu­de­rat­ge­bers empfohlen.

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